Meinen ersten Personal-Computer habe ich 1985 gekauft. Software war damals noch wenig vorhanden, einfache Textverarbeitungs-Programme kosteten 1.000 DM. In dieser Zeit haben wir einfach selber programmiert. Dadurch habe ich ein gewisses Grundverständnis für Computer entwickelt.

Bis in die späten Neunzigerjahre waren den Computerheften CDs beigelegt mit Programmen für Bildverarbeitung Textverarbeitung, Datenbanken und ähnlichen nützlichen „Apps“, wie man heute sagt. In den 2000 er Jahren hat sich das Bild grundlegend gewandelt. Durch Nutzung des Internets gibt es in den Computerzeitschriften kaum noch nützliche Programme, stattdessen jede Menge Sicherheitstools, die vor Angriffen aus dem Netz schützen sollen. Die meisten Leute wissen dabei noch nicht einmal wie sie ihre Cookies im Browser dauerhaft abschalten. Dadurch wird der betroffene Rechner immer langsamer und ist nach ein bis zwei Jahren nicht mehr richtig benutzbar. Nur die Werbung funktioniert noch.

Digitale Patientenakte – erst Belastung, dann Entlastung?

Die Idee der digitalen Patientenakte ist so alt wie der IBM PC. Die Umsetzung ist extrem schwierig. Die derzeit gängige Software ist unbefriedigend, die Bedienung ist in vielen Fällen fast unzumutbar. Hauptproblem ist die Dateneingabe: nur wenige Ärzte beherrschen das Zehn-Fingersystem, die Spracherkennung ist zwar mittlerweile einigermaßen brauchbar, für ausländische Ärzte hilft sie aber auch nicht weiter. Auf Visiten Laptops oder Tablets zu benutzen, ist in der Praxis aus den gleichen Gründen wenig praktikabel. Ungelöst ist auch die Eingabe von mitgebrachten Papieren in das System, so ist beispielsweise eine Patientenverfügung oft mit einem Notarsiegel ausgestattet. Das kann man schlecht in einen Scanner stecken.
Eine amerikanische Studie der University von Wisconsin berichtet, dass Ärzte inzwischen mehr Zeit mit der elektronischen Patientenakte verbringen als mit ihren Patienten (Ann Fam Med. 2017 Sep;15(5):419-426.  doi: 10.1370/afm.2121.). Durch die verpflichtende Nutzung der elektronischen Patientenakte, die aber eine zusätzliche Papierakte bislang meist nicht vermeidet, erhöht sich auch die Belastung der ärztlichen Mitarbeiter:innen. Erschwerend hinzu kommen unzählige, verpflichtend auszufüllende Dokumente (QS, QM, DeGiR, GeQik). Die so gewonnenen Daten sind teils wenig valide, manchmal sogar völlig sinnlos. Es bleibt also noch viel zu tun, bis aus manchen guten Ansätzen tatsächlich Entlastung entsteht.

(Keine) Standards in der Medizin

Als Radiologe habe ich nie verstanden, warum es nicht möglich ist, Schnittbild-Untersuchungen (MRT/CT) oder wenigstens die radiologischen Befunde zu standardisieren. Bislang ist es tatsächlich so, dass jede radiologische Abteilung eigene Standards für die Untersuchungen hat. Man stelle sich das einmal für die Luftfahrt vor: jede Gesellschaft, jeder Pilot fliegt wie sie/er Lust hat. Hier ein anschauliches Beispiel (Sonnenuntergang), das mir mein Freund Professor Dr. Burkhardt Terwey (ein Pionier der Kernspintomographie) im schönen Bremen einmal zur Verfügung gestellt hat.

Sonnenuntergang

Der „internistische“ Radiologe schreibt:

Befund:
Nach Angaben des Fotografen handelt es sich um eine Darstellung des Meeres bei Neuwerk in Blende-8-und-8- Millisekunden-Technik. Das Bild zeigt ein eindeutig nahezu vollständiges Fehlen der Wolken. Eine signalintensive scheibenförmige nach außen hin unscharf begrenzte Struktur, mit einem kranzförmigen aber zirkular verdämmernden Lichthof, dehnt sich zentral auf einem orange gefärbten Hintergrund aus. … Zur Sonne gerichtet unregelmäßige Kontur einer Transparenzminderung mit scharfer Trennung zur Wellenstruktur.

Beurteilung:
Bei dem Lichthof handelt es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um ein Messartefakt. … Kein sicherer Hinweis auf Regenwolken. Ein windbedingter Wellengang ist nicht sicher auszuschließen. Differentialdiagnostisch könnten die sehr wahrscheinlichen Wellen auch von einem U-Boot, einem Wal oder von Badegästen verursacht worden sein.

Die „chirurgische“ Radiologin schreibt:

Beurteilung:
Abendsonne über Neuwerk. Windstärke 3.

Beide Beurteilungen sind „richtig“; in der täglichen Praxis ist die Befundung von radiologischen Bilden innerhalb dieses Spektrums bislang völlig normal.

Datenschutz – Notwendiges und weniger Notwendiges

Dann ist da noch der Datenschutz: wir sollen unsere Patienten seitenlange Dokumente ausfüllen lassen, damit wir Ihre Daten speichern dürfen. Gleichzeitig sind sämtliche deutsche Kliniken an das Internet angeschlossen – alles was mit dem Internet zusammenhängt ist nicht datensicher! In vielen Kliniken werden immer noch Passwörter benutzt, um Zugriff auf die Klinik-Software zu bekommen. Häufig gibt es nicht einmal ein Zeitlimit für das Login, so dass einmal unter einer Kennung aufgerufene Programme oft einen ganzen Tag geöffnet bleiben und für jeden zugänglich sind. Natürlich gibt es inzwischen bessere Lösungen, diese sind aber bei weitem noch nicht überall implementiert.

Was es für eine gute digitale Zukunft unbedingt braucht.

Aus den oben genannten Überlegungen ergeben sich aus meiner Sicht u.a. folgende notwendige Entwicklungen:

1. Mehr Standardisierung der Prozeduren in der Medizin.

Die Leitlinien der AWMF sind ein erster Ansatz, von einer echten Standardisierung sind wir momentan aber weit entfernt. Letzteres wird von Vielen aber auch nicht gewünscht, um die „ärztliche Freiheit“ nicht zu gefährden. Hier sei noch einmal an die Luftfahrt erinnert: Stellen wir uns vor jeder Pilot würde seinen Jet fliegen wie er Lust hat.

2. Einheitliche digitale Patientenakten

Zumindest national einheitliche digitale Patientenakte, die in allen Kliniken in gleicher Weise implementiert wird. Um die Einheitlichkeit zu garantieren muss ein „Customizing“ verboten sein.

3. Gleiche Bezeichnungen

Ausschließliche Verwendung der Bezeichnung der Inhaltsstoffe für Medikamente; Handelsnamen dürfen in der Klinik nicht mehr benutzt werden. Das ist für die Patientensicherheit extrem wichtig. Die Klinik-Software muss in der Lage sein, überschrittene Dosen oder inkompatible Medikamente zu kontrollieren und entsprechend zu warnen. Vermeidung jeglicher Redundanz bei der Dokumentation (z.B. manuelle Eingabe vorhandener Daten in einen Fragebogen).

4. Getrennte Netzwerke

Komplette Trennung des Medizinnetzwerks vom Internet. Das Medizinnetzwerk braucht eigene Leitungen, die von außen nicht erreichbar sein dürfen.

Positiver Nebeneffekt

Wenn das Wirklichkeit wird, werden Jobs in MDK, QS, QM, Controlling zunehmend überflüssig und viele der in diesen Bereichen tätigen Leute können wieder in ärztlichen oder pflegerischen Tätigkeiten aktiv werden – dafür wurden sie ja schließlich einmal für viel Geld ausgebildet.

Digitalisierung in der Medizin ist sinnvoll. Was es mühsam macht, ist aber weniger die Technik als die Übereinkunft, wie wir morgen (anders) arbeiten wollen.


Autor: Prof. Dr. med. Bernd Tomandl, Chefarzt Radiologie und Neuroradiologie