„Danach wird die Welt eine andere sein.“ Gut, aber wird es bei uns, speziell im Gesundheitswesen, tatsächlich so kommen? Zweifel sind erlaubt. Ein Beispiel: Die Wertschätzung der in Krankenhaus und Altenpflege tätigen Menschen steigt gerade, ebenso die Einsicht, dass rein ökonomisches Kalkül fehl am Platz ist, wenn es um Vorsorge und Gesundheit geht; Geld scheint im Moment keine große Rolle zu spielen – einerseits. Andererseits häuft unser Gemeinwesen gerade ungeheure Schulden auf; künftige Verteilspielräume werden also gewaltig schrumpfen. Das wird auch das Gesundheitswesen treffen – gegenteiligen Beteuerungen und Hoffnungen zum Trotz. Krankenhäuser werden morgen mit ähnlichen Problemen kämpfen wie gestern: fehlenden Fachkräften, ausufernder Regulierung und knappen Kassen. Noch aber ist das Krankenhaus im Ausnahmezustand. Die nächste Herausforderung: Rückkehr zum Normalbetrieb.

Rückkehr zum Normalbetrieb

Kurzfristig ist die Welt nach COVID-19 sehr wohl eine andere. Das fängt schon damit an, dass nicht klar ist, wann dieses Danach eintritt – die Spanische Grippe beispielsweise grassierte in drei Wellen und über zwei Jahre. Andererseits besteht schon jetzt ein Krankenhaus Behandlungsstau für viele Menschen mit anderen, teils auch gravierenden Erkrankungen – nicht-akut Patienten werden im Moment kaum operiert; andere trauen sich nicht in die Klinik, aus Angst vor Ansteckung oder aus anderen Beweggründen.

Eine psychologische Ausnahmesituation besteht auch für das Klinikpersonal. Unsicherheit, ungewohnte Hygieneregeln, anderes Arbeiten sorgen für Stress und überfordern manche Pflegekraft, Therapeuten oder Arzt. Es wäre also nicht verwunderlich, wenn der ein oder andere nach der Akut-Krise eine verlängerte Auszeit braucht oder überhaupt nicht mehr in den Krankenhausbetrieb zurückwill. Wer dem gegensteuern will, muss es jetzt tun!

Krankenhausträger und Geschäftsführer sind noch in anderer Weise gefordert. Sie müssen dafür sorgen, dass knappe Güter, wie Schutzkleidungen oder Corona Test-Kits ausreichend an den richtigen Stellen verfügbar sind und dass strenge Vorschriften eingehalten werden. Auch ums Geld müssen sie sich weiter kümmern. Bei allen momentan großzügigen (?) Regelungen der Politik steckt der Teufel im Detail; indem was bewusst unscharf gehalten ist, aber auch dort, wo Regulierungen oder Dokumentationspflichten ausgesetzt sind. Vorbereitet zu sein auf das Danach heißt die Devise. Beispielsweise indem die Auswirkungen der Krise auf das eigene Haus dokumentiert werden: Mehraufwände, Mindererlöse und andere Konsequenzen.

Balance finden

Nicht aus dem Tritt geraten. Im Krisenmodus stellt sich Balance fast automatisch ein. Alle rücken zusammen und ziehen an einem Strang, um den Laden am Laufen zu halten. Das hält jedoch nicht an. Irgendwann werden Unterschiede wieder wahrgenommen; Konflikte oder Verteilkämpfe brechen auf. Der eine könnte zu viel bekommen, an Anerkennung, Unterstützung oder Geld, ein anderer vielleicht zu wenig. Im Kleinen wie im Großen.

Für Klinikleitung, Chefärzte, Pflegedirektion und Verwaltung, ist das die Zeit, trotz anhaltender Unsicherheit, das große Ganze im Auge zu behalten und das Naheliegende zu tun. Konkret mag das unterschiedlich ausfallen. Sich um einzelne Mitarbeiter kümmern, Gespräche mit Patienten und Angehörigen, Herstellen von Normalität in OP-Bereichen, Abstimmungen mit Zuweisern oder Kostenträgern – und wachsam bleiben, weil die Lage dennoch fragil bleibt.

Erfahrungen aus der Krise nutzen

Das größte Risiko ist, dass sich nach der Krise doch nichts ändert. Die bereichsübergreifende Zusammenarbeit klappte in den letzten Wochen zwar super, aber plötzlich leben konkurrierende Egoismen wieder auf. Not machte erfinderisch, doch bald ist die Not vorbei. Hygieneregeln werden laxer gehandhabt. Krisenbewährte Mitarbeiter fallen in alte Rollenmuster zurück. Muss das sein?

Von alleine verändert sich nichts. Das muss die Klinikleitung schon wollen. Fünf Punkte zur Orientierung:

  • Was von dem, was wir in den letzten Wochen etabliert haben, wollen wir uns erhalten?
  • Was wollen wir bewusst lassen? In der Krise war es gut, jetzt ist es nicht mehr nötig.
  • Das hat uns nicht gefehlt und wir brauchen es auch nicht mehr (alte Abläufe oder Gewohnheiten)!
  • Anstöße aus den Erfahrungen der letzten Wochen, Dinge künftig anders und besser zu tun?
  • Welche Konsequenzen sind mit diesen Antworten verbunden? Emotional, qualitativ, finanziell, aktionell, …

Lernen lassen sich zwei Dinge:
(1) Prävention: Wie können wir die nächste, auch kleinere Krise noch effektiver meistern?
(2) Leistungsfähigkeit: Wie machen wir das, worin wir heute schon gut sind, einfach noch besser? Führung, Kommunikation, Qualifikation, Prozess, …

Dieses Lernen muss jetzt und in den nächsten Wochen stattfinden, solange die Erfahrungen frisch sind. Verschieben lässt sich’s nicht.


Autor: Reinald Wolff